Fédération Européenne des Cités Napoléonienne

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Das Thema

Leipzig 1813 - 1913 - 2013:

Jubiläum Völkerschlacht und Völkerschlachtdenkmal

Rede von Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments

18. Oktober 2013

- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Schwarzenberg,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

wir stehen in einem beklemmenden Denkmal;
einem gigantischen Denkmal, 90 Meter hoch, dreihunderttausend Tonnen schwer;
einem monströsen Denkmal, dessen Bildersprache und martialische Wächterfiguren uns nicht
nur fremd geworden sondern Ausdruck einer nationalchauvinistischen Geisteshaltung sind,
die wir in Europa glücklicherweise überwunden haben.
Ein Denkmal, das uns dennoch auch heute mahnt:
Wir stehen in einer Totengedenkstätte.
An diesem Ort fanden die blutigsten Kämpfe der Leipziger Völkerschlacht statt.
An diesem Ort verloren die meisten Soldaten ihr Leben.
An diesem Ort wurden die Gefallenen verscharrt.
Wir stehen auf einem Massengrab.
Am hundertsten Jahrestag der Völkerschlacht, am 18.Oktober 1913, weihte Kaiser Wilhelm
II dieses Denkmal ein. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges.
Im Rückblick lässt sich die Völkerschlacht von 1813 fast als Vorzeichen der Zerstörungen
hundert Jahre später lesen.
Mit 600.000 Soldaten aus über einem Dutzend Nationen war die Völkerschlacht bis zum
Ersten Weltkrieg die größte Schlacht der Neuzeit.
Vor den Toren Leipzigs tobt der Krieg. Mehr als 90.000 Soldaten sterben elendig auf den
Schlachtfeldern. Tausende mehr erliegen später grässlichen Verletzungen und grassierenden
Seuchen. Nie, auch später nicht, hat es in Deutschland in so kurzer Zeit, in nur vier Tagen, so
viele Kriegstote gegeben.
Die stolze Handelsstadt Leipzig ist von Bombardements und Bränden schwer beschädigt. In
ihren Straßen spielen sich entsetzliche Szenen ab: Verwundete, Sterbende und Leichen liegen
auf den Wegen, Fußgänger steigen einfach über sie hinweg. Pferdekadaver verwesen.
Bettlaken und Kleider sind zu Verbänden zerrissen. Notlazarette, in Kirchen, Schulen und
Scheunen eingerichtet, werden zu Massengräben, verbreiten Gestank und Typhus. Mehr als
ein Zehntel der 38.000 Leipziger fallen der Seuche zum Opfer. Die Menschen hungern. Die
Vorräte sind aufgebraucht. Die Ernte zerstört. Das Vieh geschlachtet.
Damals, im Jahr 1813, verbanden die Menschen mit diesem enormen Opfern noch eine große
Hoffnung: Die Hoffnung auf Befreiung und auf Einheit.
Die Befreiung von der Tyrannei.
Die Einheit von Deutschland.
Heimlich, hinter dem Rücken der Zensoren wurden patriotische Flugblätter und
nationalistische Gedichte verlegt. Damals war der aufkommende Nationalismus vielfach eine
progressiv-libertäre Kraft, die Menschen für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie
entflammte.
Denn damals wussten sie noch nicht um die Janus-Köpfigkeit des Nationalismus.
Nationalismus im Sinne von Nationalstolz entfaltet nach innen eine ungemein einigende
Kraft, schafft Solidarität zwischen Menschen, die sich nie von Angesicht zu Angesicht
gegenüber stehen werden, und stiftet Identität.
Nationalismus las Ideologie der Überlegenheit gegenüber anderen gebiert aber auch
ungeheuer zerstörerische Kräfte; Kräfte, die entscheidend zu den Katastrophen des 20.
Jahrhunderts beitrugen. Kräfte, die erst 150 Jahre später mit der europäischen Einigung
gebändigt werden sollten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Leipziger Völkerschlacht ist ein Schlüsselereignis der deutschen und europäischen
Geschichte. Es ist häufig unterschätzt worden, wie nachhaltig die Wucht der Ereignisse in
Leipzig das nachfolgende Jahrhundert beeinflusste.
Gehen wir zurück in das Jahr 1813. Der Soldatenkaiser Napoleon hatte Europa mit Krieg
überzogen - aber auch modernisiert. In einigen deutschen Königreichen gab es jetzt
Gleichheit vor dem Gesetz und keine Leibeigenschaft mehr. Dafür wurde Napoleon
bewundert, verehrt, von manchen geradezu verherrlicht.
Doch Kontinentalsperre und Kontributionszahlungen brachten Not. Besatzung und
Bevormundung weckten Widerstand.
Zensur und Zwangsrekrutierungen heizten die Stimmung an.
Nach dem verheerenden Russlandfeldzug 1812 schlug die vormalige Bewunderung für
Napoleon geradezu um in Hass. Damit war aber auch die Chance für den Befreiungskrieg
gekommen.
Ganz sicher aber, sehr geehrte Damen und Herren, darf man sich über eines nicht täuschen.
Die Kräfte, die sich hier erheben gegen den Parvenü, den selbstgekrönten Kaiser, sind die
Kräfte der alten Ordnung.
Schauen wir uns die Protagonisten an: Kaiser Franz I von Österreich, 1792 als Franz II zum
deutschen Kaiser gekrönt, schließt sich dem Bündnis von König Friedrich Wilhelm III von
Preußen und Zar Alexander I von Russland an. Der Kronprinz von Schweden, Karl Johann,
wird mit seinen Truppen dazu stoßen. Monarchen, die ihre Legitimation zum Teil noch
immer auf dem Gottesgnadentum begründen.
Die Leipziger Völkerschlacht wird "die letzte Königsschlacht" und "die erste kriegerische
Auseinandersetzung mit den strategischen Mitteln der Moderne"" wie Andreas Platthaus in
seinem epochalen Werk "1813" schreibt. Die Völkerschlacht ist eine Zeitenwende.
Frankreich hat bereits 1793 die '"levée en masse" eingeführt, die Wehrpflicht, die ab 1813
auch in Preußen gilt.
Man kämpft und stirbt jetzt für das Vaterland. Das ist eine neue Idee. Nationalismus wird
zum wirkungsmächtigen Instrument der Mobilisierung, zur Aushebung von Truppen in zuvor
unvorstellbaren Größenordnungen. Junge Männer ziehen begeistert, Lieder singend in den
Kampf - und in den Tod.
Sichtbar wird, dass die Masse der Soldaten, die man in die Schlacht schickt - die schiere
Masse - zum taktischen Element der Kriegsführung wird. Später wird kaltblütig von
"Menschenmaterial" gesprochen. Ein Denken, das keinen Unterschied macht zwischen dem
Leben eines jungen Mannes und dem Wert von Waffenmaterial. Dieses Denken wird zum
ersten Mal in der Leipziger Völkerschlacht sichtbar.
Ganze Generationen von jungen Männern werden in späteren Kriegen ausgelöscht.
In den Schützengräben von Verdun.
Auf den Feldern an der Marne und Somme.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Völkerschicht in Leipzig ist auch auf andere Weise ein Vorzeichen für Kommende. Der
Nationalismus zeigt sein zweites, sein hässliches Gesicht. So schreibt Ernst Moritz Arndt
1813 nicht nur von der "angeborenen Reinheit" der Deutschen, die "nicht durch fremde
Völker verbastartet" (...) zu "Mischlinge(n) geworden sind". Sondern auch: "Ich will den
Hass gegen die Franzosen, nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für lange Zeit, ich will ihn
für immer."
Es ist dieser Wahn von einer Erbfeindschaft zwischen Franzosen und Deutschen, die unsere
beiden Länder in drei selbstzerstörerische Kriege stürzen wird.
Es sind diese Dämonen des Hasses, der Intoleranz, des Rassenwahnes, die Europa im
20.Jahrhundert zwei Mal in Schutt und Asche legen werden. Mit der europäischen Integration
wurden diese Dämonen gebannt. Aber täuschen wir uns nicht: Die Dämonen existieren auch
heute noch, hin und wieder zeigen sie auch im Europa des Jahres 2013 ihre hässliche Fratze.
Mit großer Sorge beobachte ich, wie sich in Europa wieder eine Re-Nationalisierung
ausbreitet. Die Krise droht uns Europäer auseinander zutreiben, anstatt uns enger aneinander
zu binden.
Längst überwunden geglaubte Vorurteile über andere Völker oder gar Feindbilder sind
wieder auf dem Vormarsch.
Ich bin aber auch empört, dass deutsche Politiker in griechischen Zeitungen in Nazi-Uniform
abgebildet werden.
Ich bin empört, dass deutsche Politiker besserwisserisch über andere Völker sprechen. Von
"faulen Griechen" ist da die Rede, denen man "mal wieder eine Lektion erteilen müsse".
Ich bin entsetzt, dass es wieder möglich ist Minderheiten auszugrenzen, nicht nur gegen
Roma wird gehetzt, ein latenter Anti-Semitismus ist in vielen Ländern nicht zu übersehen.
Wir alle müssen ein schreiten gegen die Rückkehr von Denkweisen, die immer nur Unglück
über die Völker Europas gebracht haben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
für die Königshäuser ist der Sieg über Napoleon auch ein Sieg über die Ideen der
französischen Revolution. Die Uhr soll zurückgedreht, die alte Ordnung nach innen wie nach
außen wieder hergestellt und der "Krater der Revolution" ein für alle Mal geschlossen
werden.
Der Wiener Kongress im "Palais im Ballhaus" will eine Nachkriegsordnung aushandeln, die
zwischenstaatliche Kriege in Zukunft verhindern soll.
Das funktioniert zunächst. Wird aber nicht von Dauer sein. Denn noch fehlt die Erkenntnis,
dass ein unverbindliches Mächtegleichgewicht zur Friedenssicherung nicht ausreichend ist.
Marschall Blücher beschreibt die Verhandlungen in Wien farbig: "Der Kongress gleicht
einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu
vertauschen." Hinter verschlossenen Türen werden Grenzen neu gezogen. Gebiete abgetreten.
Jeder auf seine Sonderinteressen bedacht. Nach der Maximierung seines Eigenwohls
strebend. Die Idee eines Gemeinwohls, die gibt es nicht.
Wir sind im Null-Summen-Spiel des modernen Staatensystems angelangt, in der jeder
Nationalstaat seine nationalen Interessen durchzusetzen sucht - mit allen Mitteln, manchmal
auch mit Krieg. Dass durch Kooperation alle gewinnen können, auch diese Idee wird sich erst
in der Zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa durchsetzen.
Ja, die Hoffnungen der Freiheitskämpfer auf die Einheit Deutschlands, auf
Selbstbestimmung, auf Freiheitsrechte werden vom Wiener Kongress nicht erfüllt. Der
Wiener Kongress stellt die Unabhängigkeit deutschen Kleinstaaten wieder her, aber es bleibt
bei einem lockeren Staatenbund. Preußen und Sachsen erhalten im Gegensatz zu Bayern,
Baden und Württemberg keine Verfassung. Und 1819 folgen die Zensurbestimmungen von
Karlsbad.
Doch einmal in die Welt gesetzt sind Ideen wie Freiheit, Einigkeit und Demokratie nicht
mehr aus der Welt zu schaffen. Immer wieder werden Deutsche, oft unter der schwarz-rotgoldenen
Fahne, Volkssouveränität, freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung
und Demokratie fordern.
1817 auf dem Wartburgfest
1832 auf dem Hambacher Fest
1848 in der Paulskirche
1918 bei der Novemberrevolution
1989 auf den Leipziger Montagsdemos.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Leipziger Völkerschlacht markiert auch auf andere Weise den Beginn einer neuen
Epoche. Wie Andreas Platthaus schreibt: "Die totalen Kriege, die Napoleon vorgedacht hatte,
begründeten ein neues Zeitalter (...) " Die erste Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde
zum Zeitalter des totalen Krieges.
Der Erste Weltkrieg: Sieben Millionen tote Zivilisten, zehn Millionen tote Soldaten. Eine
ganze Generation junger Männer, erzogen im Exerzierregiment von 1870, glaubend an Treue,
Ritterlichkeit und Ehre auf dem Schlachtfeld, gehetzt in die kalte Militärtechnik des 20.
Jahrhunderts, sterben elendig auf den Schlachtfeldern. Zurück bleibt ein traumatisierter
Kontinent.
Das Ergebnis: Versailles 1918. Mit der Botschaft an Deutschland, „auf die Knie, an den
Pranger, ihr seid schuld". Den Feind ein für alle Mal niederzuringen, dass sollte Europa
diesmal den Frieden bringen.
Es folgte: Die Weimarer Republik, der Faschismus, der zweite Weltkrieg mit 55 Millionen
Tote, 6 Millionen ermordeten Juden.
Heute ist wieder die Rede davon, dass wirtschaftliche Verflechtungen der beste Schutz gegen
Krieg seien. Dass alleine deshalb in Europa heute, auch wenn es die EU nicht gebe, ein Krieg
völlig ausgeschlossen sei. Enge Verbindungen, wechselseitige Abhängigkeiten mögen einen
Krieg weniger wahrscheinlich machen - aber sie machen nicht immun gegen Krieg.
Wir, die wir im Zeitalter der Globalisierung leben, vergessen oft, dass es schon einmal eine
Welt gab, die ähnlich interdependent war, wie die unsere es ist: Das Europa der 1910er Jahre.
In dem großartigen Buch von Florian Illies "1913" habe ich ein Zitat gefunden, dass mich
nachdenklich gestimmt hat. In seinem Weltbestseller legte Norman Angell 1911 dar, „dass
das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder längst
wirtschaftlich zu eng miteinander verknüpft seien (...)" neben den wirtschaftlichen
Netzwerken (machen) auch die internationalen Verbindungen in der Kommunikation und vor
allem in der Finanzwelt einen Krieg sinnlos (...)." Viele Zeitgenossen hielten 1913 einen
„großen Krieg" wegen der wirtschaftlichen Verflechtung für unmöglich. Die deutsche
Wirtschaft würde Kaiser Wilhelm in die Armee fallen, so dachte man. Und ging dann doch
wie Christopher Clarke schreibt "schlafwandlerisch" in die erste Katastrophe des 20.
Jahrhunderts.
Ein Jahr später herrschte in Europa der totale Krieg. Zurückblieb ein zerstörter, ein
traumatisierter Kontinent.
Erst nach der Katastrophe der beiden Weltkriege setzte sich die Einsicht durch, dass der
Frieden in Europa nur durch eine Einigung der Völker und die Schaffung transnationaler
Institutionen zu wahren ist.
Das Friedensprojekt Europa wurde in der dunkelsten Stunde unseres Kontinents geboren. Die
Bilder blutiger Schlachtfelder waren noch nicht verblasst, die Wunden noch nicht vernarbt,
die zerstörten Häuser noch nicht wieder aufgebaut, da kamen mutige Männer und Frauen auf
eine brillante Idee. Unter dem Schwur "Nie wieder Krieg" vereint, schlugen sie vor, dem
Erzfeind die Hand zur Versöhnung zu reichen, die Täter in die Gemeinschaft zu integrieren,
die Mauern nieder zu reißen, und die kriegswichtigen Industrien zu vergemeinschaften.
Weil sie fühlten, dass wir in Europa unsere Interessen gar nicht mehr von den Interessen
unserer Nachbarn trennen können. Weil sie fühlten, dass wir gemeinsam stärker sind als
allein.
Die Gründungsmütter und Gründungsväter haben Europa ein Immunsystem gegen Krieg
geschenkt. Und das besteht eben nicht, wie frühere Staatenlenker dachten, in
Machtgleichgewichten, wirtschaftlichen Verflechtungen oder darin den Feind zu erniedrigen
und zu schwächen. Das Immunsystem - und das ist wirklich eine geniale Idee - besteht darin,
dass wir uns gemeinsame Institutionen gegeben, in denen nach der Gemeinschaftsmethode
verfahren wird.
Die Gemeinschaftsmethode ist die Seele der Europäischen Union. Gemeinschaftsmethode das
heißt: Konflikte durch Dialog und Konsens zu lösen. Anstelle des Rechts des Stärkeren
Solidarität und Demokratie zu setzen. Den Interessenausgleich zwischen kleinen und großen
Staaten, zwischen Nord und Süd, Ost und West zu bewältigen; und das Wohl Aller über
Partikularinteressen zu stellen.
Manchmal mag das mühsam sein, manchmal mag das nerven - aber wenn man heute auf den
Schlachtfeldern von damals steht, auf Massengräbern, in denen ungezählte junge Männer
beerdigt wurden - dann weiß man, warum wir qualvolle Marathonverhandlungen in Brüssel
mit Freude auf uns nehmen sollten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
dass die Stadt Leipzig mit ihrer engagierten Bürgerschaft, die maßgeblich die Friedliche
Revolution von 1989 vorangebracht hat, den Mut aufbringt, dieses so verstörende
Völkerschlachtdenkmal in einen neuen Zusammenhang zu stellen, ist ein guter, ein mutiger
Schritt. Dazu möchte ich Ihnen gratulieren.
Damit knüpfen Sie an libertäre-progressive Traditionen an, die schon zu Zeiten der
Völkerschlacht bestanden. Und auch 1913 existierten. Als Kaiser Wilhelm hier seine
nationalchauvinistische Einweihungsfeier zelebrierte, bedauerte auf einer Gegenveranstaltung
vor dem Reichstag in Berlin der Sozialdemokrat Georg Ledebour: " die Entartung des
nationalen Gedankens [...]", „der geboren wurde als ein Kind der Freiheitsbestrebungen". Es
ist diese Tradition, in die wir uns heute stellen wollen.
Wir sind hier nicht nur an einem deutschen sondern auch an einem europäischen
Erinnerungsort versammelt. Aus ganz Europa sind heute Menschen auf den Schlachtfeldern
von damals zusammenkommen, um über unsere gemeinsame Zukunft zu sprechen.
Heute begreifen wir die Kriege der Vergangenheit nicht länger als heroische Nationalmythen,
die allzu oft instrumentalisiert wurden, um Menschen für die Großmachtfantasien ihrer
Herrscher elendig sterben zu lassen.
Heute erkennen wir, dass Kriege immer unendliches Leid über die Menschen auf allen Seiten
brachten. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.
Junge Menschen aus Estland, Schweden, Großbritannien, Frankreich, Italien, Niederlande,
Österreich, Polen, Russland, Schweden und Deutschland werden heute Abend an diesem
Mahnmal gemeinsam eine Friedensbotschaft verlesen. Diese jungen Menschen sind im
gleichen Alter wie viele der hier 1813 gefallenen Soldaten. Das Mahnmal soll uns deshalb
daran erinnern, dass wir heute in besseren Zeiten leben.
Besonders in Deutschland hat es lange gedauert, bis sich die freiheitlichen und
demokratischen Strömungen des Nationalismus, die unter der schwarz-rot-goldenen Fahne
versammelten Bewegung durchsetzen konnte. Es ist deshalb die Tradition des Georg
Ledebour, in die wir uns heute stellen wollen.
Ich gehöre zur ersten Generation von Deutschen, die von der Wiege bis zur Bahre keinen
Krieg erleben werden. Ich möchte, dass meine Kinder und Kindeskinder zeitlebens keinen
Krieg erleben müssen. Dass wir die begründete Hoffnung haben, dass sie in Friedenszeiten
leben werden, verdanken wir nicht dem Geist dieses Denkmals, das verdanken wir dem Geist
der europäischen Einigung.
Wer die Begeisterung und die Zuversicht der heute hier versammelten jungen Menschen
erlebt, dem ist um die Zukunft unseres Kontinents nicht bange.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Vom Europa der Reiche zum Europa der Bürger

(Vortrag Charles Napoleon anlässlich des Europatages in Jena)

Meine Damen und Herren,

Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, an diesem Europa-Tag in den Hallen der angesehenen Friedrich Schiller Universität, teilzunehmen.

Ich begrüße insbesondere den Rektor der Universität Doktor Klaus Dicke und den Oberbürgermeister der Stadt Jena, meinen Freund, Doktor Albrecht Schröter.

Es ist ein Privileg und eine Freude, den Lehrenden und Studierenden dieser Universität zu begegnen, und ebenso den Bürgern der Stadt Jena, die ich herzlich begrüße.

Ich spreche heute zu Ihnen als französischer Bürger, als Freund und Bewunderer Ihres Landes, als aktiver Bürger der Europäischen Nation, die gerade im Entstehen ist und als Präsident des Europäischen Verbundes der Napoleonstädte, in dem die Stadt Jena die deutsche Vizepräsidentschaft repräsentiert.

Unser Verbund ist in 7 europäischen Ländern präsent und vereint über 40 Städte, die durch die Ereignisse der Französischen Revolution und von Napoleon geprägt wurden. Unser Verbund entwickelt gemeinsame Aktivitäten in Kultur und Tourismus, geprägt von den unterschiedlichen Blickwinkeln der Bürger der Mitgliedsstädte auf die gemeinsame Geschichte. Dies ist eine gegenseitige Bereicherung für unsere Zukunft und es ist eine Möglichkeit, am Schreiben der historischen europäischen Erzählung mitzuwirken.

Von diesem Europa gewidmeten Tag profitierend, möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, wie wir in zwei Jahrhunderten von einem Europa der Reiche zu einem Europa der Bürger gelangten.

Welches Konzept von Europa bestand am Vorabend des Preußischen Staates?

Ihre Stadt war vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten Zeugin einer markanten Epoche er europäischen Geschichte. Ich spreche von der bekannten Schlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806, die die vorläufige Niederlage des Preußischen Staates markiert und dem Kaiser der Franzosen die Türen nach Berlin öffnet. Im selben Jahr endet die Fiktion vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, jenes von Karl dem Großen, in der Schlacht von Austerlitz. Wir befinden uns am Vorabend der Gründung des Preußischen Staates.

Napoléon Bonaparte vertrat ein Konzept Europas, das Hegel faszinierte. Hegel teilt seine Gedanken mit seinem Freund Niethammer. Napoleon im Oktober 1806 die Wälle Ihrer Stadt passieren sehend, sagt er ihm: Den Kaiser, diese Weltseele, sah ich zum Erkunden zur Stadt hinaus reiten. Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf den Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht. Diese Worte belegen die Faszination, die Napoleon, seine Person und sein Werk auf die größten Denker des modernen Staates ausübte.

Hegel, wie auch die Französischen Revolutionäre von 1789 (siebzehnhundertachtundneunzig), glaubten an die Geburt einer Neuen Ordnung. Sie erwarteten sie mit Ungeduld. In ganz Europa würde die Nation die Monarchie ersetzen, die Freiheit den Feudalismus.  Freie und gleiche Bürger würden sich erheben und an die Stelle der Untertanen des Königs treten. Napoléon Bonaparte wurde also von den fortschrittlichen Intellektuellen seiner Zeit als Held dieser Veränderung empfunden.

10 Jahre nach Beginn der Revolution war Frankreich der Unordnung und der Bedrohung durch die Europäischen Armeen der Monarchien überdrüssig. Also bestellt sich das Land den besten General seiner Zeit zum Chef: als einziger fähig, internen Frieden zu etablieren und die Bedrohung einer Invasion abzuwehren, ohne das Revolutionäre Erbe aufzugeben.

Napoléon war einer der wenigen Menschen seiner Zeit, der persönlich auch die nicht abendländischen Kulturen kannte, da er 1798 (siebzehnhundertachtundneunzig) einen Feldzug in Ägypten führte. Er hatte also aufgrund seiner Erfahrung eine sehr klare Vorstellung dessen, was Europa war und was es nicht war.

Geboren auf Korsika, gliedert Napoleon Europa natürlicherweise an die römische Zivilisation und die christliche Welt an. Seine kulturelle Bildung ist klassisch: er hat lateinische Autoren und Schriftsteller des Zeitalters der Aufklärung gelesen. Dennoch sind die Grenzen seines Europas sehr vage und schließen Russland und selbst das alte Kaiserreich Byzanz, die jetzige Türkei, mit ein. Aber er schließt England aus, das er als vom Festland ausländische Insel ansieht.

Er wollte die Völker vereinen, um die Zukunft vorzubereiten. In seinen Memoiren sagt er: In Europa zählen wir mehr als 30 Millionen Franzosen, 15 Millionen Spanier, 15 Millionen Italiener, 30 Millionen Deutsche: Ich hätte gern aus jedem dieser Völker eine einzige und gleiche Nation gemacht. Es wäre schön gewesen, sich mit einem solchen Triumphzug der Nachwelt zu empfehlen.  

Sein Konzept von Europa ähnelte eher jenem von Karl dem Großen als dem von Robert Schuman, Außenminister unter DeGaulle. Für Napoleon müsste Europa sich rund um Frankreich und seinen Kaiser aufbauen, so wie es sich um Karl den Großen und sein Kaiserreich des Abendlandes aufbaute.

In seinen Memoiren fügt er hinzu: Ich hätte für ganz Europa eine einheitliche Währung, einheitliche Gewichte und Maße und eine einheitliche Gesetzgebung gewollt. Warum hätte mein Code Civil nicht als Basis für einen Europäischen Code dienen können und meine kaiserliche Universität als Vorbild für eine Europäische Universität? Auf diese Weise wären wir in Europa zu einer Familie geworden. Auf Reisen hätte sich jeder wie zu bei sich zu Hause gefühlt.

Er wollte die Völker vereinen, um ihnen den Fortschritt seiner Zeit zu bringen. So wie die Europäische Gemeinschaft Robert Schumanns mit Kohle und Stahl begann, dachte Napoleon an die konkreten Vorteile eines Europas für das tägliche Leben seiner Bürger.

Napoleon hat eine Vision Europas, die auf die Zukunft gerichtet ist: Ich glaube nicht, dass nach meinem Sturz in Europa andere große Gleichgewichte möglich wären als die Agglomeration und die Konföderation der großen Völker.

Der Bezug zu Karl dem Großen

Napoléon bezieht sich sehr oft auf Karl den Großen. Seit seinem Tod in Aachen im Jahre 814 (achthundertvierzehn), war Karl der Große stets eine Größe der Europäischen Geschichte. Eine mythische Person, von allen Völkern unter seiner Herrschaft beschworen, also von einem Großteil Europas. Jedoch sind die Erinnerungen an ihn einfacher heraufbeschworen als seine wahre Persönlichkeit, die eher obskur bleibt, weiß man doch nicht einmal das genaue Jahr und den Ort seiner Geburt.

Im Oktober 1804 (achtzehnhundertvier) begibt sich Napoleon an das Grab von Karl dem Großen in Aachen. Durch einen erstaunlichen Zufall erfährt er dort, dass der Kaiser von Österreich, Franz I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, abgedankt und somit ihm die Kaiserkrone abgetreten hatte. Damit macht er Napoleon zum symbolischen Nachfolger Karl des Großen. Dies ist ein wichtiger Moment, den ich näher erklären möchte.

Doch zunächst einen Schritt zurück.

Wie Sie wissen, war das Heilige Römisches Reich deutscher Nation (manchmal auch « Erstes Reich » genannt, um es vom Reich Bismarcks abzugrenzen) eine Neugliederung der abendländischen und zentralen Länder Europas des Mittelalters, regiert vom Römisch-Deutschen Kaiser. Er sieht sich als Erbe des karolingischen Kaiserreichs, das im 10. Jahrhundert verschwand, und gleichzeitig knüpft er wieder an das vorangehende Römische Kaiserreich an. Der Kaiser ist Beschützer des Papstes, der selbst Nachfolger des Simon Petrus ist. Der Kaiser beschützt die katholische Kirche genau wie die letzten römischen Kaiser es vor dem Fall Roms taten. Denn der Papst übt im Europa des Mittelalters sowohl eine religiöse als auch weltliche Macht aus: Er ist es, der die Herrschaft der Könige legitimiert. Dem Römischen Reich Deutscher Nation wird das Adjektiv „Heilig" erst später hinzu gefügt - unter der Herrschaft Friedrich Barbarossas im Jahre 1157 (elfhundertfünfundsiebzig) - als eigene religiöse Legitimierung der weltlichen und politischen Macht.

Die Ausdehnung und die Grenzen des Heiligen Reiches wurden im Lauf der Jahrhunderte bedeutend verändert. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung umschloss es fast das gesamte Gebiet des heutigen Zentral-Europas und auch Teile von Süd-Europa.

Das Reich sicherte die politische Stabilität und die friedliche Lösung von Konflikten, indem Machtexzesse eingedämmt wurden: es bot Schutz gegen die Willkür der Herrschaft, es schützte die geringeren Stände vor Rechtsbrüchen durch die höheren Stände und das Reich selbst. Das Erste Reich ist also der erste Versuch, eine Supranationale Europäische politische Ordnung im Interesse der Europäischen Völker zu entwickeln.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts kann das Reich seine Mitglieder nicht mehr schützen. Dies ist der Grund für seinen Zusammenbruch. Die napoleonischen Eroberungen und die Gründung des Rhein-Bundes zeigen die Schwäche des Heiligen Reiches. Am 6. August 1806 (achtzehnhundertsechs) verschwindet das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, da Franz II. die Krone abgibt, um nicht mehr Kaiser von Österreich zu sein und die Kaiserwürde Napoleon Bonaparte überlässt.

 

Die Übergabe dieser Krone an einen französischen General, der aus der Revolution hervorgegangen war, hatte etwas Irreelles. Wie konnte sich Napoleon, der nicht zögerte den Papst ins Gefängnis zu werfen, sich als Beschützer der katholischen Kirche präsentieren? Das Heilige Reich war tot.

Napoléon erhoffte sich durch diese symbolische Geste eine Legitimität, die ihm erlaubte, sich über Frankreich hinaus als Herrscher eines Europas aufzuschwingen, das er selbst konstruieren wollte. Für ihn wie auch schon für Karl den Großen war Europa ein Reich.

Der Traum der « Grande Nation » bricht herein über die Völker Europas

Wie konnte ein Mann der Revolution so weit kommen?

Zu Beginn seiner Laufbahn kämpft Napoleon gegen die Europäischen Monarchien, die mit Waffen versuchen, die junge Republik umzustoßen und den Tod des Königs Louis XVI. zu rächen. Um die Erste Republik vor den Koalitionen der Feinde zu schützen, wurde Napoleon zum Ersten Konsul ernannt.

Im Ersten und Zweiten Italienfeldzug ist Napoleon Diener der „Grande Nation", jene die erobert, um zu befreien. Die „Grande Nation" auferlegt den eroberten Ländern eine Ideologie, die diesen Völkern das Recht gibt, über sich selbst zu verfügen. Sein Projekt ist, Europa zu emanzipieren von der Bevormundung der Könige und Herrscher. Das Zusammentreffen italienischer Patrioten und der Ambition des jungen Generals führen zur Geburt der ersten Schwester-Republik der Französischen Republik: der Zisalpinischen Republik - Vorgängerin eines vereinten modernen Italiens. In 1796 (siebzehnhundertsechsundneunzig) sagt Napoleon den „Völkern von Italien": „wir kommen, Eure Ketten zu brechen!" Das Gleiche gilt für die Staaten des Rhein-Bundes. Durch die unabhängigen Republiken nach französischem Modell transformierte sich Europa.

1804 (achtzehnhundertvier) wird der Konsul Kaiser und verwendet seine ganze Energie auf den Krieg. Wie bei Karl dem Großen werden die Könige seine Vassallen. An die Spitze der Länder setzt er seine eigenen Brüder, die eher Präfekten als Könige sind. Die revolutionären Kriege werden zu Eroberungs-Kriegen, ausgerichtet darauf, sein Reich zu stärken. Er schlägt nacheinander Österreich und Preußen bevor er sich gegen Russland wendet.

Die Kontinentalsperre gegen England führt ab 1812 (achtzehnhundertzwölf) zum Ruin des maritimen Handels und damit zu einem Mangel an Zucker, Baumwolle, Kaffee, der zunehmend als unerträglich empfunden wird. Die Nationalen Gefühle wechseln daraufhin das Lager. Das erwachende Nationalbewusstsein in Spanien, Portugal, dann auch in Tirol und Russland richtet sich nun gegen Napoleon und gegen Frankreich.

Die napoleonischen Kriege begründen so die Nationen Europas - zunächst durch den Einfluss der Prinzipien der französischen Revolution, sodann als feindliche Reaktion auf die Französische Besetzung.

In Deutschland nimmt die romantische Bewegung nach Goethe und Schiller, ursprünglich Bewunderer Napoleons, einiges Ausmaß an. Die deutsche Nation gründete sich um seine Legenden und um Preußen. Der Sturz Napoleons ist direkte Konsequenz des Krieges in Spanien und des Russland-Feldzuges, wo bewaffnete Völker, als moderne Nation konstituiert, sich gegen ihren Besatzer auflehnen.

 

 

Napoléon, Wegbereiter des modernen Europa

Doch beschränkt sich der Beitrag Napoleons zur Konstruktion Europas nicht nur auf Krieg und die Generierung von Nationen. Die großen Errungenschaften (mot plus simple ? malheureusement non) während seines Konsulats (1799-1804 (siebzehnhundertneunundneunzig bis achtzehnhundertvier)) wie der Code Civil, das Konkordat, eine moderne Verwaltung sind in Europa im Zuge militärische Eroberungen eingeführt worden. Wo immer Napoleon eindrang, willkommen oder mit Gewalt, wurde der Code Civil eingeführt und das feudale Regime gestürzt. Die Stadt Kassel, Hauptstadt des Königreichs Westfalen, hat zuletzt eine sehr gelungene Ausstellung zu diesem Thema präsentiert. Und in diesem Winter schloss sich die viel beachtete Ausstellung mit diesem zentralen Thema in Bonn an.

Die Anwendung des Code Civil war sehr verschieden: In Belgien, Luxemburg und Italien wurde der Code nach 1815 (achtzehnhundertfünfzehn) vollumfänglich angewandt. Die Einführung des Code Civil in den Staaten des Rheinbundes, im Königreich Württemberg und in Bayern wurde Grundlage für das Bürgerliche Gesetzbuch Bismarcks,  und ähnlich verhielt es sich in vielen weiteren Staaten Europas und der Welt, beispielsweise in Mexiko. Als das Regime stürzte, nach den Niederlagen von 1815 und dem Wiener Kongress, wurden diese Fortschritte im Wesentlichen beibehalten, sie dienten als Basis für die Entwicklung der Nationen im  19. Jahrhundert und sind der Sockel des modernen Europas. Die Trennung von Kirche und Staat, privates Eigentum oder der Schutz der Kinder durch die Ehe sind direkt daraus entstanden. Es ist also nicht verkehrt zu behaupten, dass die napoleonischen Kriege Reformen angestoßen haben, die das Fundament des zeitgenössischen Europas sind. Das ist ein grundlegender Unterschied zu jenen Despoten, die das Europa des 20. Jahrhunderts mit Blut befleckt haben.

Napoleons politisches Werk ist eine originelle Alchemie aus dem Wunsch nach Herrschaft und der Umsetzung revolutionärer Prinzipien des Zeitalters der Aufklärung. Wenn nun Napoleon nur ein Kriegsheld gewesen wäre, hätten Sie sicher nicht mit soviel Aufwand die Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 200. (zweihundertsten) Jahrestages der Schlacht bei Jena und Auerstedt begangen. So wie es auch Austerlitz und Berlin tun.

Die befreite oder unterdrückte Nation ?

Man muss das Prinzip der Nation hinterfragen, weil die Nation auch in unseren Tagen ein Problem in der Entstehung Europas ist. In einer Monarchie definieren sich Nationen über den König. Die Revolutionäre der Französischen Revolution 1789 (siebzehnhundertneunundachtzig) und die Europäischen Intellektuellen wie Fichte und Hegel waren die ersten, die sich mit dieser Frage beschäftigten, um die nun freien und gleichen Bürger zu vereinen. Die Nation ist die kollektive Repräsentanz der Bürger. Ein großer französischer Intellektueller, Ernest Renan, gibt die beste Definition der Nation, die ich kenne: Es ist der Wunsch, zusammen zu leben über die Unterschiede der Herkunft, der Religion und der Rasse hinaus. Es ist eine kollektive Vision auf der Basis individueller Freiheit. Die Staaten, die sich aus Fürstentümern und Monarchien aufbauten, fanden ein einendes Prinzip in der Bejahung der Nation.

Der Kongress, der sich im Juni 1814 in Wien versammelt, vereint die Bezwinger Napoleons: Metternich für Österreich, Humboldt für Preußen, Nesselrode für Russland und Castelreagh für England. Die Europäische Ordnung, die der Kongress entwickelt, ist eine Rückkehr zum Europa vor der Französischen Revolution. Dieser Zustand erlaubt 50 Jahre Frieden, bevor Preußen seinen Wunsch nach einem neuen Deutschen Reich entwickelt.  

Aber nach dem Wiener Kongress setzen die Nationen ihr Werden in ganz Europa fort: Preußen, Österreich-Ungarn, Italien, die Türkei. Um zu überleben, setzen auch die Monarchien im Niedergang auf das Prinzip der Nation. Dabei gibt es nichts Gegensätzlicheres als eine Monarchie, die die Nation bejaht, welche doch vor allem auf freie und gleiche Individuen setzt.

Dieser Widerspruch war fatal für Napoleon I., der durch eben die Nationen stürzte, die er selbst anregte. Einige Jahrzehnte später wird dieser Widerspruch ebenso fatal für Napoléon III. in Frankreich sein und auch später für den Kaiser Wilhelm II. in Deutschland. Der eine wie der andere kommt durch die Kriege zwischen Nationen um, die sie anregten, um ihre Macht zu stärken. Das preußische Reich wird genau wie das napoleonische Reich durch Krieg hinweg gerissen. Diese despotischen Regime sind verschwunden, aber die Deutsche Nation wie die Französische haben überlebt.

Das geopolitische Gleichgewicht des alten Regimes war begründet auf dem Pakt der Familie Europäischer Dynastien.  Das Gleichgewicht der Nationen liegt bis zum Ende des zweiten Weltkriegs in ihrer Stärke. Krieg ist das Mittel, durch welches sich der Widerspruch zwischen Monarchie und Nation löst.

Das Ende des 19. Jahrhunderts und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sind eine dunkle Zeit für Europa. Der Wunsch des Zusammenlebens in diesem neuen nationalen Rahmen findet keine andere Ausdrucksweise als den hegemonialen Wunsch andere Nationen zu beherrschen, was unweigerlich zu Krieg führt. Eine Nation definiert sich also über andere Nationen anstatt über sich selbst. Die Idee der Nation, eigentlich ein emanzipatorisches Prinzip, kann zu einem Prinzip der Unterdrückung werden, wenn die Nation nicht existieren kann, ohne ihre Einheit im Hass auf oder Angst vor einem anderen Volk zu beschwören. Nur die Demokratie kann Frieden zwischen Nationen garantieren. Es brauchte 2 Jahrhunderte, um dies zu begreifen.

Ich werde nicht auf die Details der nationalen Konflikte eingehen, die unseren Kontinent mit Blut befleckt haben wie der Krieg von 1870 (achtzehnhundertsiebzig) und der Erste und Zweite Weltkrieg. Jeder der Kriege ist ein Versuch der Revanche, eine nationalistische Übersteigerung zum Preis von Millionen von Toten. Während zweier Jahrhunderte hörte die Europäische Ambition, außer durch Krieg, auf zu existieren.  

Aber auch diese Konflikte haben ein positives Ergebnis: die Entstehung eines dauerhaften Friedens durch den Wunsch,  ein Europa zu bauen.

Die ersten Schritte eines Europas mit der Montanunion (therme allemand de cette traité)  und später mit der Europäischen Gemeinschaft nahmen eine geprüfte und machbare Methode wieder auf: sich begrenzte aber konkrete Ziele zu setzen. Es musste die Versorgung Europas mit Kohle und Stahl gesichert werden - zwei  notwendige Materialien  nach Kriegsende.

Dieses Ereignis ist so wichtig, dass der Tage der Unterzeichnung des Paktes - am 9. Mai 1950 (neunzehnhundertfünfzig) - der offizielle Tag Europas geworden ist.  Er wurde gefolgt vom Abschluss des Euratom und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Vorgänger der Europäischen Union.

Um zusammenzufassen:

Die zwei vorangegangenen Jahrhunderte der Europäischen Geschichte haben gezeigt, dass die Nation eine notwendige Passage zwischen dem Europa der Kaiserreiche und dem Europa der Völker ist.  

Die Idee der Nation ermöglichte, dass aus Untertanen Bürger wurden - auch wenn diese Idee Despoten als Alibi gedient hat.

Nur demokratische Regierungen erlauben der Nation in Frieden zu leben.

Von den zivilen Errungenschaften (mot plus simple(malheureusement non) Napoleons von vor zwei Jahrhunderten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde nichts mehr für die Gemeinschaft der  Völker Europas getan.

Endlich aus dem Chaos des Zweiten Weltkrieg entstand ein radikal neues Projekt in der Geschichte der Welt: jenes einer gemeinsamen Europäischen Nation im Gegensatz zu den Nationen im Krieg.  

Der Bau eines gemeinsamen Hauses für alle Europäer wird von der großen Mehrheit der Bürger des heutigen Europas gewünscht.

Die Nationen des 19. Jahrhunderts haben keine Zukunft. Nur ein Europa kann auf die großen Herausforderungen, die uns erwarten, antworten: die Auflösung der öffentlichen Verschuldung, die Klimaerwärmung, die Erschöpfung der primären Energieressourcen.

Die Völker spüren dies unbewusst und sind damit ihren Regierungen voraus, die nur mit Verzögerung und zaghaft auf die Herausforderungen antworten.

Die Griechen sind unzufrieden mit den Sparplänen, die ihnen auferlegt wurden. Und wir wären es an ihrer Stelle ebenso. Es gab eben bisher nicht genügend europäisches Bewusstsein, so dass sie nun den Gürtel enger schnallen müssen.

Diese Krise muss zu einer verbesserten ökonomischen Steuerung der Eurozone führen. Jeder weiß, dass es kein gemeinsames Währungssystem gibt ohne eine gemeinsame Wirtschafts-. Industrie- und Sozialpolitik.

Die Integration unserer politischen Systeme muss schneller und weiter voran gehen, bevor sich die Probleme unserer Zeit verschlimmern. Die Regierung Europas muss direkt mit ihren Bürgern sprechen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich die verschiedenen Büros der Europäischen Institutionen in Brüssel oder Straßburg besuche, nur ultramoderne Gebäude ohne Seele zu sehen. So als ob die Europäische Regierung nur eine kalte Bürokratie wäre.

Dabei ist sie Verwahrer unserer gemeinsamen Seele.

Nur mit dem Bewusstsein für unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Zivilisation und die Wunden der Vergangenheit, entwickeln wir ein Bewusstsein für unsere Schicksalsgemeinschaft. Nur so können wir unsere Zukunft mit einer Hand schreiben.

Die Kultur besänftigt Ängste, erweitert Horizonte und macht alle Opfer möglich.

Lassen Sie uns unsere Geschichte und Kultur stets im Blick haben, weil, wie René Char, ein großer französischer Dichter, sagt: cet héritage n'est précédé d'aucun testament. - Diesem Erbe geht kein Testament voraus. 

Charles Napoléon

Präsident

28.06.2011

Nach Pultusk ...

EDITORIAL von Charles NAPOLEON, Präsident des Verbundes

Nach Roche s/Yon, Ajaccio, Waterloo und Jena hat unser verbund seine Mitgliederversammlung am  5., 6. und 7. OKtober 2007 in Pultusk durchgeführt.

Unser Verbund blickt auf ein außerordentlich aktives Geschäftsjahr zurück und ich danke allen, die dazu beigetragen haben.

Unser Verbund ist noch jung - 3 Jahre besteht er - und wir befinden uns in einer Phase, in der wir noch lernen, wie wir zusammenarbeiten können, wie wir gemeinsame Instrumente schaffen können und welche ersten Projekte wir gemeinsam verwirklichen wollen. Um eine stetige Verbindung zwischen uns zu schaffen, stimmen wir uns monatlich in einer Telefonkonferenz ab.

Wir wollen effizient sein und unseren Mitbürgern schnellstmöglich konkrete und sichtbare Aktivitäten präsentieren. Aber wir benötigen auch eine solide Basis, um eine weitere harmonische Entwicklung unseres Verbundes zu sichern. Diejenigen unter Ihnen, die mit transnationalen Projekten Erfahrung haben, wissen, dass diese Vorbereitungsphase lang ist.

Für unsere neuen Mitglieder möchte ich kurz in Erinnerung rufen, was der Verbund seit dem 3. Dezember 2004 in Ajaccio geleistet hat. Im Oktober 2005 haben wir unsere Mitgliederversammlung in Waterloo abgehalten und im Oktober 2006 in Jena.

Wir sind sehr erfreut, heute hier in Pultusk Gäste zu sein, einer Stadt, die in diesen Tagen auch an den Durchzug Napoleons vor 200 Jahren erinnert.

Im Namen des Verbundes möchte ich dem Oberbürgermeister von Pultusk, M. Wojciech Debsski, und dem Bürgermeister und Direktor der Ecole des Sciences Humaines in Pultusk, Krzysztof Ostrowski, herzlich danken, diese Tage organisiert zu haben.

STÄDTE-NETZWERK

Unser Hauptaufgabe, die wir uns während unserer Mitgliederversammlung am 14. Oktober 2006 in Jena gestellt hatten, war, den Verbund auf ein solide Basis von 3 regionalen Standbeinen zu stellen: Frankreich, Italien und Deutschland. Die regionalen Vize-Präsidenten von Italien und Deutschland - der Bürgermeister von Cairo Montenotte und der Oberbürgermeister von Jena - haben eine besonders aktive Rolle in 2007 eingenommen, um den Verbund in ihren Ländern zu platzieren. Ich bin am 3. März diesen Jahres nach Cairo Montenotte gereist und am 4. Oktober nach Jena, um italienische und deutsche Städte zu treffen, die sich für unseren Verbund interessieren.

Ich möchte insbesondere Anja Schwind von der Stadt Jena und Franco Icardi von Cairo Montenotte für die Organisation der Städtetreffen danken. Ich möchte Danielle Bernardini danken, die gemeinsam mit Clotilde Virgile und in Verbindung mit Jean-Yves Clément von la Roche sur Yon das Sekretariat des französischen Pols absichert.

Ich wünsche mir, dass sich in 2007/2008 ein neuer Pol hier in Polen entwickelt, mit Pultusk als Leitstadt, damit sich der Verbund in Richtung weiterer polnischer Städte und allgemein in Richtung Osten entwickelt. Wie Sie sicher wissen, hat Zar Alexander der Erste Napoleon sehr beeindruckt bevor der Zar eine Strategie verfolgte, die den Zerfall des französischen Kaiserreiches einläutete und er eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung von Europa nach dem Wiener Kongress einnahm.

Ende Oktober werde ich nach Saragossa, Spanien, reisen, zu einer Konferenz über den spanischen Krieg und auch den Bürgermeister von Saragossa treffen, der mir sein Interesse für unseren Verbund signalisiert hat. Wir pflegen weiterhin die Kontakte zu Portugal und Alexandria in Ägypten. Somit liegen wichtige Entwicklungsperspektiven vor uns.

INTERNETPRÄSENZ

Zur Unterstützung unseres Netzwerkes ist unsere mehrsprachige (französisch, englisch, italienisch, deutsch) Internetpräsenz www.napoleoncities.eu nunmehr vollständig aktiv. Wir müssen uns nun intensiv um Anreicherung dieser Internetpräsenz mit Informationen aus den Mitgliedsstädten bemühen.

Am bedeutendsten ist jedoch, die Internetseite regelmäßig mit Informationen zu historischen, kulturellen und kommerziellen Veranstaltungen zur napoleonischen Epoche zu aktualisieren.

Daher schlage ich Ihnen vor, für diese Aufgabe in 2007/2008 ein eigenes Budget zu planen, damit aus unserer Internetpräsenz eine unverzichtbare Referenz wird.

CULTURE 2007

Wir haben im letzten Jahr besonders dafür gearbeitet, ein Projekt für das Europäische Programm Culture 2007 bei der Europäischen Union einzureichen. Es ist wichtig, dass wir ein kulturelles Label entwickeln, das uns erlaubt, Aktivitäten zu entwickeln und zu fördern und unser gemeinsames Erbe aufzuwerten. Gleichermaßen sollte unser Verbund von einem Europäischen Label profitieren.

Für das Projekt im Rahmen des Programms Culture 2007, haben 8 Partnerstädte ein finanzielles Engagement über 2 Jahre bestätigt. Dafür möchte ich ihnen im Namen des Verbundes danken.

Damit haben wir unsererseits alle Chancen genutzt. Wir werden bis zum Ende des Jahres erfahren, wie erfolgreich unsere Kandidatur war.

TOURISMUS 2008

Der Napoleon-Pass, welcher die Bürger unserer Städte berechtigt, verschiedene Vorteile zu nutzen, stellt eine erste Etappe unseres Tourismusprojektes dar. Er muss noch weiter verbessert und noch mehr genutzt werden.

Wir wünschen uns, dass das kommende Jahr vor allem den Bemühungen zur Förderung eines napoleonischen Tourismus in unseren Städten gewidmet wird. Mit der weltweiten Konjunktur eröffnet sich besonders auf dem Tourismusmarkt Asien eine große Chance für den Verbund.

Ich würde mir wünschen, dass wir die Tourismusbüros unserer Städte vereinen, um die Besuche unserer Bürger in den Partnerstädten zu fördern und um touristische Rundreisen gemeinsam mit Reiseveranstaltern zu entwickeln.

Um hier erfolgreich zu sein, müsste eine Partnerstadt die Verantwortung für den Tourismusbereich der Aktivitäten des Verbundes übernehmen.

PARTNERSCHAFTEN

Schlussendlich werden wir im kommenden Jahr unsere Verbindungen mit privaten Partnern fester ziehen. Für uns ist dies ein Mittel, neue finanzielle Ressourcen zu eröffnen und innovative und starke Unternehmen um das hervorragende Image unseres Verbundes zu bereichern.

Ich lade Sie ein, liebe Freunde und Mitglieder des Verbundes, diesen Rechenschaftsbericht zu bestätigen und die Vorschläge für das kommende Jahr anzunehmen.


Pultusk, 7. Oktober 2007

Der Präsident des Europäischen Verbundes der Napoleonstädte,
Charles NAPOLEON